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Anleihen-ETF verstehen: Duration, Kupon und Kursrisiko

Die Duration steht in jedem Factsheet, meist nur zwei Zeilen unter der laufenden Rendite.

Wer Anfang 2022 einen breiten ETF auf Euro-Staatsanleihen im Depot hatte, stand am Jahresende rund 18 Prozent im Minus. Bei ETFs auf Anleihen mit über 20 Jahren Restlaufzeit waren es mehr als 30 Prozent. Kein Schuldner war ausgefallen, kein Staat pleite. Gestiegen waren nur die Zinsen.

Das ist der Punkt, an dem die meisten Anleger ins Grübeln kommen. Anleihen gelten als der ruhige Teil des Depots, und genau dieser Teil hat im schlechtesten Anleihejahr seit Jahrzehnten mehr verloren als manche Aktienposition. Der Grund steckt in einer einzigen Kennzahl, die in jedem Factsheet steht und von fast niemandem gelesen wird: der Duration.

Kupon, Kurs und Rendite sind drei verschiedene Dinge

Eine Anleihe ist ein Kredit mit festem Zinssatz. Der Kupon ist dieser feste Zinssatz, bezogen auf den Nominalwert. Eine Bundesanleihe mit 0,5 Prozent Kupon zahlt jedes Jahr 0,50 Euro pro 100 Euro Nominalwert, egal was am Markt passiert.

Der Kurs dagegen ist der Preis, zu dem diese Anleihe heute gehandelt wird. Und der muss sich bewegen, sobald neue Anleihen mit anderen Zinssätzen auf den Markt kommen. Wenn neu emittierte Papiere mit gleicher Laufzeit plötzlich 3 Prozent zahlen, will niemand mehr 100 Euro für ein Papier bezahlen, das nur 0,5 Prozent abwirft. Der Kurs fällt, bis die Mischung aus laufendem Kupon und Kursgewinn bis zur Fälligkeit wieder marktgerecht ist. Dieses Ergebnis ist die Rendite (Yield to Maturity): das, was Sie beim Kauf zum heutigen Kurs erwarten können, wenn Sie bis zur Fälligkeit halten.

Kurs und Rendite bewegen sich also immer gegeneinander. Steigen die Marktzinsen, fallen die Kurse bestehender Anleihen. Das gilt für die einzelne Anleihe und damit auch für jeden ETF, der ein Bündel davon hält.

Duration: die Zahl, die das Kursrisiko beziffert

Die modifizierte Duration sagt Ihnen näherungsweise, um wie viel Prozent der Kurs fällt, wenn das Zinsniveau um einen Prozentpunkt steigt. Duration 7 bedeutet: plus ein Prozentpunkt Rendite kostet grob 7 Prozent Kurs. Minus ein Prozentpunkt bringt grob 7 Prozent Kursgewinn.

Diese Zahl steht in jedem ETF-Factsheet, meist als „effektive Duration“ oder „Duration in Jahren“. Sie ist nicht identisch mit der durchschnittlichen Restlaufzeit, liegt aber in der gleichen Größenordnung und immer darunter, weil zwischenzeitliche Kuponzahlungen das Geld früher zurückbringen.

Praktisch heißt das: Die Duration ist Ihr Hebel auf Zinsbewegungen, in beide Richtungen. Ein Geldmarkt-ETF mit Duration 0,2 reagiert auf Zinsänderungen fast gar nicht. Ein ETF auf 20-jährige Staatsanleihen mit Duration 17 ist ein Zinswette-Instrument, auch wenn die Schuldner erstklassig sind. Zwei Fonds können beide „AAA-Staatsanleihen“ enthalten und sich im Risiko um den Faktor 50 unterscheiden.

Was 2022 passiert ist

Anfang 2022 rentierte die zehnjährige Bundesanleihe bei etwa null Prozent, der Einlagesatz der EZB lag bei minus 0,5 Prozent. Dann kam die Inflation, die EZB begann im Juli mit Zinserhöhungen, und die Bundrendite stieg bis Jahresende auf rund 2,5 Prozent.

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Rechnen wir das mit der Duration durch: Ein breiter Euro-Staatsanleihen-ETF hatte damals eine Duration von etwa 7 bis 8. Ein Renditeanstieg von rund 2,5 Prozentpunkten ergibt überschlägig einen Kursverlust von 18 bis 20 Prozent. Genau das ist eingetreten. Bei einem ETF auf Laufzeiten über 20 Jahre mit Duration um 17 wurde daraus ein Minus von über 30 Prozent.

Das Fatale war nicht die Größe der Zinsbewegung allein, sondern die Ausgangslage. Wer bei 0,5 Prozent laufender Rendite einsteigt, hat praktisch keinen Puffer. Die Kuponzahlungen eines Jahres fangen einen Kursverlust von 18 Prozent nicht ab, sie kompensieren nicht einmal ein Zehntel davon. Heute sieht das anders aus: Bei einer laufenden Rendite im Bereich von 3 Prozent trägt der Kupon einen Teil der Kursbewegung, und ein Zinsanstieg um einen halben Prozentpunkt führt bei kurzen Laufzeiten nicht mehr automatisch zu einem Jahresverlust.

Zusammengedrückte Metallfeder unter einem Gewicht als Bild für Zinsdruck
Je länger die Laufzeit, desto stärker drückt eine Zinsbewegung auf den Kurs.

Der Unterschied zur einzelnen Anleihe

Halten Sie eine einzelne Bundesanleihe bis zur Fälligkeit, bekommen Sie 100 Prozent zurück, egal wie der Kurs zwischendurch geschwankt hat. Der Verlust war nur ein Buchverlust. Diese Sicherheit hat ein klassischer Anleihen-ETF nicht, weil er kein Fälligkeitsdatum besitzt.

Der ETF bildet einen Index nach, der eine feste Laufzeitspanne abdeckt. Fällt eine Anleihe unter die Untergrenze, etwa unter ein Jahr Restlaufzeit, fliegt sie aus dem Index, und der Fonds kauft neue, längere Papiere nach. Die Duration bleibt dadurch dauerhaft in etwa gleich. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem Ihnen jemand 100 Prozent auszahlt.

Trotzdem ist ein Verlust nicht endgültig. Das rollierende Portfolio kauft nach einem Zinsanstieg ständig Anleihen mit den neuen, höheren Kupons. Bleibt das Zinsniveau, wo es ist, arbeitet sich der ETF über einen Zeitraum hoch, der grob in der Größenordnung seiner Duration liegt. Deshalb ist Durchhalten bei Anleihen-ETFs sinnvoll, solange der Anlagehorizont passt. Wer dagegen nach dem Kursrutsch verkauft, realisiert den Verlust und verzichtet gleichzeitig auf die höheren Kupons, die der Fonds inzwischen eingesammelt hat.

Wer die Endfälligkeit braucht, hat seit einiger Zeit eine Alternative: ETFs mit festem Fälligkeitsdatum, die ein Anleihenportfolio mit einheitlichem Laufzeitende halten und sich danach auflösen. Für ein konkretes Sparziel in vier oder fünf Jahren ist das die sauberere Lösung als ein rollierender Index.

Laufzeitklasse und Anlagehorizont zusammenbringen

Die wichtigste Entscheidung bei Anleihen-ETFs ist nicht der Anbieter und nicht die Gebühr, sondern die Laufzeitklasse. Die praktische Regel: Die Duration des Fonds sollte nicht länger sein als der Zeitraum, in dem Sie das Geld sicher nicht brauchen.

Laufzeitklasse Duration (Richtwert) Kursreaktion bei +1 Prozentpunkt passender Horizont
Geldmarkt / 0-1 Jahr unter 0,5 unter 0,5 Prozent bis 1 Jahr
Staatsanleihen 1-3 Jahre etwa 2 etwa 2 Prozent 2 bis 3 Jahre
Staatsanleihen 3-7 Jahre etwa 4 bis 5 4 bis 5 Prozent 4 bis 6 Jahre
Breiter Aggregate-Index etwa 6 bis 7 6 bis 7 Prozent ab etwa 7 Jahren
Staatsanleihen 20+ Jahre 15 bis 18 15 bis 18 Prozent nur als bewusste Zinswette

Die Werte sind Größenordnungen, keine Garantien; die aktuelle Duration Ihres Fonds steht im Factsheet und ändert sich mit dem Zinsniveau.

Für den Normalfall, also den Anleihenanteil in einem gemischten Depot mit Horizont von zehn Jahren und mehr, halte ich einen breiten Index auf Euro-Staatsanleihen oder einen währungsgesicherten globalen Aggregate-Index für die beste Wahl. Duration um sechs bis sieben, breite Streuung, ordentliche Rendite, und das Zinsrisiko ist groß genug, dass der Anleihenteil in einer Aktienkrise überhaupt etwas abfedern kann. Kurze Laufzeiten sind dann die bessere Wahl, wenn das Geld in ein bis drei Jahren gebraucht wird oder wenn Sie Schwankungen im Anleihenteil überhaupt nicht sehen wollen. Langläufer mit 20 Jahren plus gehören nur ins Depot, wenn Sie bewusst auf fallende Zinsen setzen und einen Verlust von 20 Prozent und mehr aushalten.

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Laufzeitklasse und Anlagehorizont sollten zusammenpassen, nicht die Renditeerwartung.

Was neben der Duration noch Geld kostet

Zinsrisiko ist der größte Hebel, aber nicht der einzige. Drei weitere Punkte entscheiden mit, wie sich ein Anleihen-ETF verhält:

  • Kreditrisiko: Unternehmensanleihen und besonders Hochzinsanleihen zahlen einen Aufschlag auf die Staatsanleihenrendite. Dieser Aufschlag weitet sich aus, wenn es an den Märkten unruhig wird, also genau dann, wenn Aktien fallen. Ein High-Yield-ETF ist kein Sicherheitsanker, er verhält sich in Krisen eher wie eine abgeschwächte Aktienposition.
  • Währungsrisiko: Bei einem globalen Anleihenfonds ohne Währungsabsicherung schwanken Dollar und Yen stärker, als die Anleihen Rendite bringen. Das Währungsrisiko überlagert dann den Zinseffekt vollständig. Für den Anleihenteil eines Euro-Depots gehört deshalb die währungsgesicherte Variante ins Depot, erkennbar am Kürzel EUR Hedged. Bei Aktien ist das anders zu bewerten, bei Anleihen nicht.
  • Inflation: Ein fester Kupon verliert real an Wert, wenn die Preise steigen. Inflationsindexierte Anleihen koppeln Kupon und Rückzahlung an die Preisentwicklung, haben aber ebenfalls eine Duration und damit Kursrisiko. Sie schützen gegen unerwartete Inflation, nicht gegen steigende Realzinsen.

Die laufenden Kosten spielen bei Anleihen-ETFs eine relativ größere Rolle als bei Aktien-ETFs, weil die erwartete Rendite niedriger ist. Bei 3 Prozent Rendite kosten 0,20 Prozent Gebühr fast sieben Prozent Ihres Ertrags. Mehr als 0,20 Prozent pro Jahr muss man für breite Staatsanleihen-Indizes nicht zahlen.

Die Fehler, die sich wiederholen

Der häufigste Fehler ist der Blick auf die Vergangenheitsrendite. Bis Ende 2021 zeigten Anleihen-ETFs über zehn Jahre schöne positive Zahlen, weil die Zinsen über diesen gesamten Zeitraum gefallen waren. Diese Kursgewinne waren vorweggenommene Rendite, nicht wiederholbares Ertragspotenzial. Bei Anleihen ist die aktuelle laufende Rendite der weit bessere Schätzer für die künftige Entwicklung als jede Wertentwicklung der letzten Jahre.

Der zweite Fehler ist die Verwechslung von Ausschüttung und Rendite. Ein ETF mit alten Anleihen hoher Kupons schüttet viel aus, hält aber Papiere, die über 100 notieren und zum Nominalwert zurückgezahlt werden. Teil der Ausschüttung ist dann faktisch Kapitalrückzahlung. Verlassen Sie sich auf die Rendite bis Endfälligkeit, nicht auf die Ausschüttungsquote.

Und der dritte: Anleihen-ETF und Tagesgeld werden in eine Schublade gesteckt. Sie sind keine Alternativen. Tagesgeld hat keine Kursschwankung und keine Duration, es hat aber auch kein Reaktionsmuster in Krisen und keine Zinsbindung. Wenn die Zinsen fallen, sinkt Ihr Tagesgeldzins sofort mit, während ein Anleihen-ETF Kursgewinne macht. Genau dafür ist er im Depot.

Wenn der Horizont kurz ist

Der heikelste Fall in der Praxis: Eigenkapital für einen Immobilienkauf in zwei Jahren. Hier gehört kein Aggregate-ETF mit Duration sieben hinein, auch nicht in Teilen. Ein Zinsanstieg um einen Prozentpunkt im falschen Moment kostet sieben Prozent des Eigenkapitals, und Sie haben keine Zeit, das auszusitzen. Für diesen Zweck sind Festgeld mit passender Laufzeit, ein Geldmarkt-ETF oder ein Laufzeit-ETF mit Fälligkeit im Zieljahr die richtigen Instrumente. Die Faustregel bleibt dieselbe, nur strenger angewendet: Je näher das Ziel, desto kürzer die Duration.

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