Wer Märkte analysiert, denkt oft in Trends. Steigt der Kurs, kaufen mehr Leute. Fällt er, verkaufen sie. Doch hinter jeder Kursbewegung steckt ein Kräfteverhältnis, das sich nicht im Schlusskurs ablesen lässt. Alexander Elder hat in den frühen 1990er Jahren einen Indikator entwickelt, der genau dieses Verhältnis sichtbar macht: den Elder Ray Index mit seinen zwei Komponenten Bull Power und Bear Power.
Was der Elder Ray Index misst
Die Grundidee ist einfacher, als der Name vermuten lässt. Elder geht davon aus, dass der exponentielle gleitende Durchschnitt (EMA) den fairen Marktkonsens widerspiegelt. Kurse oberhalb dieses Durchschnitts zeigen, dass Käufer die Kontrolle haben. Kurse unterhalb deuten auf Verkäuferdominanz hin.
Bull Power und Bear Power quantifizieren genau diesen Abstand:
- Bull Power = Tageshoch minus EMA
- Bear Power = Tagestief minus EMA
Als Standardperiode verwendet Elder einen 13-Tage-EMA. Bull Power ist fast immer positiv, weil das Tageshoch in der Regel über dem gleitenden Durchschnitt liegt. Bear Power ist dagegen meistens negativ, weil das Tagestief darunter fällt. Beide Werte schwingen um die Nulllinie.
Bull Power und Bear Power im Detail
Ein konkretes Beispiel hilft beim Verständnis. Angenommen, eine Aktie notiert bei einem 13-Tage-EMA von 150 Euro. Das Tageshoch liegt bei 154 Euro, das Tagestief bei 147 Euro. Dann ergibt sich:
- Bull Power: 154 minus 150 = +4
- Bear Power: 147 minus 150 = minus 3
Beide Werte zusammen zeigen, dass Käufer in dieser Periode etwas mehr Kraft hatten als Verkäufer. Aber erst der Verlauf über mehrere Tage macht den Indikator aussagekräftig. Steigt Bull Power bei einer gleichzeitig steigenden Aktie, bestätigt das den Aufwärtstrend. Fällt Bull Power trotz steigender Kurse, ist das ein Warnsignal.
Divergenzen als eigentliches Signal
Alexander Elder selbst betont, dass der größte Wert des Indikators nicht in absoluten Werten liegt, sondern in Divergenzen. Das sind Situationen, in denen sich Kurs und Indikator in unterschiedliche Richtungen bewegen.
Für Kaufsignale achtet Elder auf Bear Power: Wenn der Kurs ein neues Tief erreicht, Bear Power aber ein höheres Tief als beim vorherigen Kurstief bildet, ist das eine bullische Divergenz. Die Verkäufer verlieren Kraft, obwohl der Kurs noch fällt. Kombiniert mit einem steigenden EMA ergibt sich ein konkreter Einstiegshinweis.
Für Verkaufssignale gilt das Spiegelbildprinzip mit Bull Power: Der Kurs klettert auf ein neues Hoch, aber Bull Power erreicht nur noch ein niedrigeres Hoch als zuvor. Die Käufer werden schwächer. Elder empfiehlt, dieses Signal nur dann ernst zu nehmen, wenn Bull Power positiv, aber fallend ist und der EMA ebenfalls nach unten dreht.
Wer sich einen genauen Überblick über die Berechnung und Darstellung verschaffen möchte, findet bei Elder Ray Bull Bear Power eine detaillierte Erläuterung beider Komponenten mit Visualisierungen.
Kombination mit dem Triple Screen System
Elder hat den Indikator nie als Einzelwerkzeug konzipiert. In seinem Triple Screen System dient der Elder Ray auf der mittleren Zeitebene zur Timing-Verfeinerung, nachdem auf der wöchentlichen Ebene ein übergeordneter Trend identifiziert wurde.
Das bedeutet in der Praxis: Zeigt der Wochenchart einen intakten Aufwärtstrend, wechselt man auf den Tageschart. Dort sucht man nach Einstiegspunkten, wenn Bear Power eine bullische Divergenz bildet und gleichzeitig negativ ist. Der negative Bear Power-Wert signalisiert, dass die Korrektur innerhalb des übergeordneten Aufwärtstrends noch läuft, die abnehmende Kraft der Verkäufer aber auf ein baldiges Ende hindeutet.
Diese Mehrebenen-Logik verhindert, dass man gegen den übergeordneten Trend handelt, was eine der häufigsten Fehlerquellen bei Privatanlegern ist.
Praktische Grenzen des Indikators
Kein Indikator funktioniert ohne Kontext, und Elder Ray bildet da keine Ausnahme. In seitwärtslaufenden Märkten mit geringer Volatilität produziert der Indikator viele Fehlsignale. Bull Power und Bear Power pendeln dann eng um die Nulllinie, ohne klare Divergenzen zu zeigen.
Auch die Wahl des EMA beeinflusst die Ergebnisse erheblich. Ein 13-Tage-EMA reagiert bei volatilen Titeln wie Technologieaktien oder Kryptowährungen deutlich anders als bei einem Standardwert aus dem DAX. Wer den Indikator auf Stundencharts anwendet, sollte die Periode entsprechend anpassen, da sonst der EMA zu träge reagiert.
Ein weiterer Punkt: Elder Ray misst Kursspannen, nicht Volumen. Bei dünnem Handel kann ein einzelner großer Auftrag das Tageshoch oder Tagestief erheblich verschieben, ohne dass dies tatsächlich die Stimmung der breiten Marktteilnehmer widerspiegelt. Eine Kombination mit Volumendaten schafft hier mehr Sicherheit.
Wann der Indikator seinen Wert entfaltet
Elder Ray ist besonders nützlich in Märkten mit klaren Trends und ausreichender Liquidität. Aktien aus dem MDAX oder S&P 500, liquide ETFs oder Forex-Hauptpaare bieten in der Regel die nötige Datenbasis.
Die stärksten Signale entstehen, wenn mehrere Faktoren zusammentreffen:
- Der EMA zeigt eine klare Richtung
- Bear Power oder Bull Power weist eine eindeutige Divergenz auf
- Das Signal passt zur übergeordneten Trendrichtung
- Das Volumen bestätigt die Bewegung
Ohne diese Kombination bleibt der Elder Ray ein beschreibender Indikator, der den Markt erklärt, aber keine verlässlichen Einstiegspunkte liefert. Mit ihr wird er zu einem präzisen Werkzeug, das über klassische Momentum-Indikatoren wie RSI oder MACD hinausgeht, weil er Käufer- und Verkäuferkraft explizit trennt statt sie zu einem einzigen Wert zu verdichten.
Wer systematisch mit Divergenzen arbeiten möchte, sollte sich Zeit nehmen, den Indikator an historischen Daten zu testen. Drei bis sechs Monate Kursdaten reichen meist aus, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie sich Bull Power und Bear Power in unterschiedlichen Marktphasen verhalten und ab welcher Schwelle eine Divergenz tatsächlich signifikant ist.