Wer MSCI World und FTSE All-World nebeneinanderlegt, sieht zwei Indizes, deren zehn größte Positionen sich bis auf einen Titel decken. Das ist der ehrlichste Einstieg in diesen Vergleich. Der FTSE All-World enthält gut 4.000 Aktien aus Industrie- und Schwellenländern, der MSCI World rund 1.400 Aktien aus 23 Industrieländern. Trotzdem bewegen sich beide Kurven über Jahre hinweg fast parallel, weil dieselbe Handvoll US-Konzerne in beiden Indizes den Ton angibt. Der Unterschied ist real, aber er liegt nicht dort, wo ihn die meisten Vergleichstabellen suchen.
Was die beiden Indizes tatsächlich abdecken
Der MSCI World bildet Large und Mid Caps aus Industrieländern ab und zielt dabei auf rund 85 Prozent der frei handelbaren Marktkapitalisierung je Land. Schwellenländer sind per Definition ausgeschlossen, dafür gibt es den MSCI Emerging Markets. Die Kombination aus beiden heißt MSCI ACWI und ist das eigentliche Gegenstück zum FTSE All-World, nicht der MSCI World.
FTSE geht breiter heran. Der All-World deckt Industrie- und Schwellenländer in einem Index ab und reicht in der Marktkapitalisierung je Land tiefer hinunter, in die Größenordnung von 90 bis 95 Prozent. Daraus erklärt sich der größte Teil des Titelunterschieds: Es sind nicht nur die Schwellenländer, es sind auch mehrere hundert kleinere Mid Caps aus Industrieländern, die MSCI bei 85 Prozent Abdeckung schlicht abschneidet. Zum Vergleich: Der MSCI ACWI, also die Variante mit Schwellenländern, kommt auf rund 2.500 Titel und damit immer noch auf deutlich weniger als der FTSE All-World.
Echte Small Caps enthält keiner der beiden. Wer die mitnehmen will, braucht Varianten wie den MSCI ACWI IMI oder den FTSE Global All Cap. Deren zusätzlicher Renditebeitrag war in der Vergangenheit klein, der Aufwand und die Produktauswahl dagegen überschaubar.

Die Länderklassifizierung ist der eigentliche Streitpunkt
Beide Anbieter entscheiden selbst, welches Land als Industrie- und welches als Schwellenland gilt. Die Kriterien ähneln sich: Wirtschaftskraft, Größe und Liquidität des Aktienmarkts, Zugänglichkeit für ausländische Investoren, Qualität der Abwicklung. Die Ergebnisse unterscheiden sich trotzdem.
Der prominenteste Fall ist Südkorea. FTSE führt das Land seit Jahren als Industrieland, MSCI als Schwellenland. Folge: Samsung Electronics steckt im FTSE All-World über den Developed-Teil, im MSCI World fehlt der Konzern komplett. Bei Polen ist es ähnlich, auch hier hat FTSE hochgestuft, MSCI nicht. Taiwan wiederum gilt bei beiden als Schwellenland, landet im FTSE All-World also über den Emerging-Teil und im MSCI World gar nicht.
Diese Einstufungen werden einmal jährlich überprüft. MSCI veröffentlicht sein Market Classification Review im Juni, FTSE sein Country Classification Review im Herbst, mit einer Zwischenbetrachtung im Frühjahr. Hochstufungen laufen über Watchlisten und mehrjährige Übergangsfristen, Überraschungen von heute auf morgen gibt es praktisch nicht. Für Anlegerinnen heißt das: Die Länderliste ist keine Momentaufnahme, sondern ein langsam wanderndes Raster.
Die Zusammensetzung des Index selbst wird häufiger angepasst. MSCI überprüft vierteljährlich, mit den größeren Umstellungen im Mai und November. FTSE arbeitet ebenfalls mit regelmäßigen Reviews im Jahresverlauf. Für die Rendite ist das nahezu bedeutungslos, für die Handelskosten des ETFs an diesen Tagen eher nicht.
Neun von zehn Top-Positionen sind identisch
Hier löst sich der Vergleich weitgehend auf. In beiden Indizes stehen oben dieselben US-Konzerne: Apple, Microsoft, Nvidia, Amazon, Alphabet, Meta, Broadcom, Tesla. Der einzige systematische Unterschied in der Spitzengruppe ist TSMC aus Taiwan, das im FTSE All-World auftaucht und im MSCI World nicht.
Der US-Anteil liegt im MSCI World zuletzt bei rund 70 Prozent und schwankt mit den Kursen. Im FTSE All-World liegt er einige Prozentpunkte darunter, weil die Schwellenländer und der etwas größere Japan- und Europa-Anteil Platz wegnehmen. Das ist der Punkt, an dem viele Vergleiche enden. Nur: Wenn in beiden Indizes dieselben acht Unternehmen ein Viertel des Werts ausmachen, ist die Länderquote eine Buchhaltungsgröße, kein Diversifikationsmerkmal.
Die Schwellenländer im FTSE All-World wiegen zusammen rund zehn Prozent. Selbst eine komplette Abkopplung dieser zehn Prozent über ein Jahr würde die Gesamtrendite nur um wenige Prozentpunkte verschieben. Wer auf Zehntelprozente achtet, achtet an der falschen Stelle.
| Merkmal | MSCI World | FTSE All-World |
|---|---|---|
| Länder | 23 Industrieländer | Industrie- und Schwellenländer |
| Titel | rund 1.400 | gut 4.000 |
| Marktabdeckung je Land | ca. 85 Prozent | ca. 90 bis 95 Prozent |
| Südkorea | nicht enthalten | enthalten (Developed) |
| Taiwan | nicht enthalten | enthalten (Emerging) |
| Small Caps | nein | nein |
Was die zehn Prozent Schwellenländer praktisch bedeuten
Seit etwa 2010 sind Schwellenländeraktien hinter den Industrieländern zurückgeblieben. Wer in diesem Zeitraum nur den MSCI World hielt, stand besser da als mit einem All-World. Das ist kein Argument für die Zukunft, sondern eine Erinnerung daran, dass die Differenz in beide Richtungen laufen kann. In den Jahren davor war es umgekehrt.
Es gibt einen Unterschied, der unabhängig von der Rendite besteht: Schwellenländer bringen politisches Risiko mit, das sich schlecht modellieren lässt. Russland wurde 2022 aus den gängigen Indizes gestrichen, die Positionen wurden praktisch auf null abgeschrieben. Das betraf damals einen kleinen Anteil, aber es zeigt die Mechanik. Umgekehrt hängt ein reiner Industrieländerindex noch stärker an einer einzigen Volkswirtschaft.
Mein Standpunkt dazu: Die zehn Prozent sind es wert, mitgenommen zu werden, weil sie Länder abdecken, in denen ein wachsender Teil der globalen Wertschöpfung stattfindet, und weil ein Index, der die halbe Weltbevölkerung ausklammert, erklärungsbedürftig bleibt. Es ist aber kein Grund, ein funktionierendes Depot umzubauen.

Kosten, Produktauswahl und Tracking
Auf den MSCI World gibt es die größte Produktauswahl überhaupt, mit laufenden Kosten ab etwa 0,12 Prozent pro Jahr, teils darunter. ETFs auf den FTSE All-World liegen typischerweise etwas höher, der bekannteste von Vanguard bei 0,22 Prozent, günstigere Varianten anderer Anbieter bei rund 0,15 Prozent. Auch beim MSCI ACWI finden sich Produkte im Bereich von 0,12 bis 0,20 Prozent.
Die Differenz von rund zehn Basispunkten entspricht bei 10.000 Euro Anlagesumme etwa zehn Euro im Jahr. Wichtiger als die ausgewiesene TER ist ohnehin die Tracking-Differenz, also die tatsächliche Abweichung vom Index nach Kosten, Steuern und Erträgen aus Wertpapierleihe. Schwellenländerpositionen verursachen höhere Handels- und Quellensteuerkosten, deshalb fällt der Nachteil eines All-World-ETFs in der Praxis meist etwas größer aus als die reine Kostendifferenz vermuten lässt. Etwas, nicht dramatisch.
Ein Punkt, den viele übersehen: Fondsgröße und Handelbarkeit. Beide Indexfamilien haben ETFs mit Milliardenvolumen, bei denen Spreads und Sparplanverfügbarkeit kein Thema sind. Wer sich für ein Nischenprodukt mit 40 Millionen Euro Volumen entscheidet, riskiert eher eine Fondsschließung mit Zwangsverkauf und Steuerfolge als einen Renditenachteil durch den Index.
MSCI World plus Emerging Markets im Verhältnis 70 zu 30
Die klassische Zwei-ETF-Lösung bildet den Weltmarkt ebenfalls ab, mit zwei Unterschieden. Erstens weicht die feste Quote von der Marktgewichtung ab: Nach Marktkapitalisierung liegen Schwellenländer eher bei zehn Prozent, nicht bei dreißig. Wer 70/30 fährt, trifft also eine aktive Entscheidung und sollte das wissen. Zweitens entsteht Arbeit, weil die Quote regelmäßig nachjustiert werden muss, und jedes Nachjustieren durch Verkauf löst Steuern aus.
Es gibt genau zwei Gründe, die diesen Aufwand rechtfertigen:
- Man will die Schwellenländerquote bewusst über das Marktgewicht heben und ist bereit, das als aktive Wette zu tragen.
- Man hat bereits einen großen MSCI-World-Bestand mit Buchgewinnen und ergänzt ihn, statt ihn aufzulösen.
Für alle anderen ist die Einzelfondslösung die bessere Wahl. Rebalancing übernimmt der Index, das Depot bleibt übersichtlich, und bei Sparraten unter 200 Euro im Monat ist eine saubere 70/30-Aufteilung ohnehin mehr Buchhaltung als Nutzen.
Welcher Index für wen
Für den Normalfall, also einen Sparplan über zehn Jahre und länger ohne Lust auf laufende Pflege, empfehle ich einen Index mit Schwellenländern: FTSE All-World oder MSCI ACWI. Die Wahl zwischen diesen beiden ist eine Frage des konkreten ETFs, nicht des Index. Nimm den mit der besseren Tracking-Differenz, ausreichendem Volumen und der Ausschüttungsart, die zu dir passt.
Ein reiner MSCI-World-ETF bleibt sinnvoll, wenn du bereits einen großen Bestand darauf hast, wenn dein Arbeitgeber oder Anbieter nur diesen im Sparplan führt, oder wenn du Schwellenländer aus Überzeugung meiden willst. Dann aber bitte als bewusste Entscheidung formuliert und nicht als Versehen.
Und der Fall, der am häufigsten falsch gelöst wird: Du hast seit fünf Jahren einen MSCI World bespart und willst jetzt auf All-World wechseln. Verkaufe den Bestand nicht. Jeder Verkauf realisiert Gewinne, auf die Abgeltungsteuer anfällt, und das Geld, das an den Fiskus geht, verzinst sich nicht weiter. Stelle stattdessen den Sparplan auf den neuen ETF um und lass den alten Bestand liegen. Nach ein paar Jahren laufender Einzahlungen verschiebt sich das Verhältnis von allein, und der Unterschied zwischen beiden Lösungen war von Anfang an kleiner als die Steuer, die ein Wechsel gekostet hätte.